Jüdische Kultusgemeinde will offensiv mit Antisemitismus umgehen

Rabbiner der Jüdischen Gemeinde dankt dem Dortmunder Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus für Unterstützung

Sehr besorgt über ein Ansteigen des Antisemitismus sowie über neue Formen der Judenfeindlichkeit hat sich Rabbiner Baruch Babaev von der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund geäußert. Babaev und der Geschäftsführer der Gemeinde, Leonid Chraga, waren zu Gast beim Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus, dem viele Dortmunder Großorganisationen –Kirchen, Gewerkschaften, Parteien, Wohlfahrts- und Jugendverbände, Hochschulen – angehören.
„Der Hass auf Juden und auf den Staat Israel ist noch immer aktuell und präsent in der Gesellschaft“, sagte der Rabbiner. Er wird selbst jedes Jahr am 9. November, dem Gedenktag an die Novemberpogrome, am Mahnmal für die niedergebrannte Synagoge in Dorstfeld damit konfrontiert, wenn die im Westen Dortmund lebenden Nazis ihr „Nie wieder Israel!“ skandieren. Ausdrücklich dankte Babaev für die „Präsenz der Mitte der Gesellschaft“, also auch dem Arbeitskreis, bei den Gedenkfeiern in Dorstfeld, „das hat uns sehr gut getan“.
Als neue Form der Judenfeindlichkeit bezeichnete der Rabbiner das Bündnis zwischen Rechtsextremisten und „radikalisierten Moslems“. Als „alarmierend“ empfindet er die Echo-Preisverleihung an Rapper, deren Texte eindeutig antisemitisch sind – Kultur sei schließlich ein Ausweis dessen, was in der Gesellschaft vor sich gehe. Sehr schlimm sei, dass Mitglieder seiner Gemeinde, vor allem Kinder, in aller Öffentlichkeit bedroht würden, nur weil sie Juden seien. Babaev: „Täglich steht zu unserem Schutz die Polizei vor der Synagoge an der Prinz-Friedrich-Karl-Straße. Die Angst geht um, Sie werden keinen Juden sehen, der auf der Straße eine Kippa (die Kopfbedeckung männlicher Juden) trägt.“
Mehrfach betonten der Rabbiner und der Gemeinde-Geschäftsführer Chraga einen „neuen Umgang“ mit allen Formen des Antisemitismus. Man werde sich als Gemeinde jetzt öfter dazu äußern, in die Öffentlichkeit gehen und auch über die „immer härter werdende Wortwahl“ der Nazis sprechen. Auch plane man, bei Übergriffen von Rechts gegebenenfalls den Rechtsweg einzuschlagen. Die beiden Repräsentanten der Jüdischen Kultusgemeinde berichteten in diesem Zusammenhang von Vorgängen an Schulen in Dortmund und Bochum, wo Geschichtslehrer fürchterliche Witze über Juden in Auschwitz erzählten oder antijüdische Karikaturen zeigten.
In einem Fall, der ihn selbst betraf, hat Rabbiner Baruch Babaev bereits die Polizei eingeschaltet: Auf seinem persönlichen Facebook-Account hat eine junge Frau aus Lütgendortmund inzwischen mehr als hundert üble rassistische Aussagen gepostet. Er plädiert dafür, offensiv mit solchen Vorgängen umzugehen. Es dürfe „auf keinen Fall dazu kommen“, dass Juden in Dortmund sich in eine Opferrolle drängen ließen und „Minderwertigkeitsgefühle entwickeln“.

Rainer Zunder (Juni 2018)
Rainer Zunder war langjähriger Politikredakteur der WR in Dortmund und schreibt bis heute für verschiedene Blogs. Er ist seit Jahren ehrenamtlich in der evangelischen Kirche tätig, Mitglied der Kreissynode Dortmund und arbeitet im Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus mit.